BIOGRAPHIE

Nils Koppruch (geb. am 27.Oktober 1965 in Hamburg, verstorben am 10.Oktober 2012 ebenda) war Musiker und Maler, er lebte und arbeitete in Hamburg.

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Nach einer Lehre als Koch holte Nils das Abitur nach, um sich für ein Germanistikstudium einzuschreiben. Erste musikalische Versuche mit der Gitarre startete er in einem Kinderladen während seiner Zivildienstzeit. Kontakte zur kreativen Szene Hamburgs waren ausschlaggebende Impulse, Musik und bildende Kunst zum Lebensmittelpunkt zu machen.

Von 1996 bis 2006 war er Sänger und Frontmann der Band FINK, schrieb größtenteils deren Musik und Texte, spielte Gitarre, Banjo und Mundharmonika. Mit FINK entstanden sechs Studio-Alben: Vogelbeobachtung im Winter (CD: XXS Records/Indigo, 1997), Loch in der Welt (CD: XXS Records/Indigo, 1998), Mondscheiner (CD: L’Age d’Or Rough/Trade 1999; LP: Trocadero Records), Fink CD: (L’Age d’Or/Rough Trade, 2001), Haiku Ambulanz (Trocadero Records/Indigo, 2003) und Bam Bam Bam (Trocadero Records/Indigo, 2005).

Nach Abschluss der letzten FINK-Tournee “BamBamBam“ löste sich die Band auf, was offiziell im Dezember 2006 auf der Band-Homepage bekanntgegeben wurde. In der Bandgeschichte von FINK hatte es häufige Neubesetzungen gegeben, abermals zeichnete sich ein Besetzungswechsel ab, so dass Koppruch schlussendlich argumentierte, die Band FINK als solche existiere nicht mehr.

Am 05.April 2007 veröffentlichte Koppruch sein Debüt-Album „Den Teufel tun” (V2 Records; 2010 Wiederveröffentlichung bei Grand Hotel van Cleef) als Solo-Musiker. Im Gegensatz zur musikalischen Entwicklung der letzten FINK-Alben reduzierte Koppruch seine neuen Songs hierbei auf sparsame Arrangements, akustische Instrumente und einfache Melodielinien. Textlich kreisen die Lieder um die Selbstreflexion und Neupositionierung als Musiker, und die Verarbeitung von Enttäuschungen und Hoffnung. Nils Koppruch selber bezeichnete seine Musik als „Großstadtfolk“. Durch den von Folk und Americana geprägten Stil des Solo-Albums wurde er gerne als deutschsprachiger Singer-Songwriter kategorisiert.

Nils Koppruch

Von 2007 bis 2009 spielte Nils Koppruch kleinere Tourneen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 2007 trat er u.a. als Support für Lambchop auf. Die meisten Auftritte bestritt er als Solist, manchmal wurde er von den ehemaligen Bandmitgliedern Christoph Kähler (Schlagzeug) und Lars Paetzelt (Bass) begleitet, selten auch von der Sängerin Meike Schrader, die auch auf dem Album die Backgroundstimme sang. Das Live-Repertoire umfasste neben den neuen Stücken auch FINK-Songs.

2008 entstand in Zusammenarbeit mit Gisbert zu Knyphausen das Lied „Knochen und Fleisch“, das im Rahmen einer Compilation zugunsten der Hamburger Obdachlosen-Initiative „Hinz und Kunzt“ veröffentlicht wurde.

Außerdem schrieb Nils Koppruch die Filmmusik zu dem Dokumentarfilm „Wasser und Seife“ von Susan Gluth, der ab 30.April 2009 in deutschen Kinos zu sehen war. Der Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. das Prädikat “besonders wertvoll” von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden und den norddeutschen Filmpreis für die Kategorie “Beste Dokumentation”. Zum Low-Budget Film „Madboy – Hamburgs lautester Heimatfilm” von Henna Peschel steuerte Nils Koppruch den Titelsong “Locked Door” bei.

Während Nils Koppruch bis 2006 seine Arbeit als Musiker von der als Maler zu trennen suchte, löste er in den folgenden Jahren diese Abgrenzung auf.

Als bildender Künstler mit dem Pseudonym „SAM.“ malte Koppruch Bilder, die der sogenannten Cheap-Art oder “Art brut” zugeordnet wurden. Seine Bilder zeichnen sich meist aus durch einen charakteristischen Motivkanon und eine klare, spröde Maltechnik. In Hamburg-St. Pauli betrieb er zunächst allein, dann geeminsam mit “Strandgutfischer” die kleine Laden-Galerie “NEU” in der Wohlwillstraße.

Die Stadt Hamburg und die Interessengemeinschaft der Hamburger Musikwirtschaft (IHM) verlieh 2009 zum ersten Mal den Musikpreis HANS, und Nils Koppruch war der erste Künstler der die Trophäen für drei Gewinnerkategorien gestalten durfte.

Ab Herbst 2009 arbeitete Koppruch an einem weiteren Solo-Album mit dem Titel “Caruso”, das am Freitag den 13.August 2010 beim Hamburger Label Grand Hotel van Cleef erschien.

Im Sommer 2011 ließ Nils Koppruch verlauten, dass er die Arbeit für ein weiteres Album aufgenommen hätte. Im August 2012 erschien das Album “I” mit Gisbert zu Knyphausen unter dem Bandnamen KID KOPPHAUSEN. Im September spielte die neue Band eine gefeierte, ausverkaufte Premierentournee durch Deutschland. Die Band bestand neben seinen Initiatoren aus Marcus Schneider, Alexander Jezdinsky und Felix Weigt.

Das Album ist bei Trocadero erschienen, und wurde von Swen Meyer produziert. Für den Herbst 2012 war eine ausgedehnte Tour geplant. Posthum wurde das Album in zahlreichen Leserpolls hoch gewertet, bekam eine ECHO-Kritikerpreis-Nominierung 2013, sowie den Hamburger Muskpreis HANS für die “Beste Hamburger Produktion 2012″ und einen VUT-Award für das “Album des Jahres 2012″.

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Foto: Kerstin Schomburg

Musik

Nils Koppruch + Fink

NILS KOPPRUCH + FINK: WERKSCHAU

CD Digibox mit ca. 132 S. Buch und Texten von Tino Hanekamp, Franz Dobler, Wiglaf Droste; das Set enthält:

CD 1: Rares, Live und Unveröffentlichtes
CD 2: Fink – Vogelbeobachtung im Winter
CD 3: Fink – Loch in der Welt
CD 4: Fink – Mondscheiner
CD 5: Fink – Fink
CD 6: Fink – Haiku Ambulanz
CD 7: Fink – Bam Bam Bam
CD 8: Nils Koppruch – Den Teufel tun
CD 9: Nils Koppruch – Caruso
CD 10: Kid Kopphausen – I
CD 11: Various Artists – A Tribute to Nils Koppruch + Fink, CD 1
CD 12: Various Artists – A Tribute to Nils Koppruch + Fink, CD 2

Nils Koppruch + Fink

A TRIBUTE TO NILS KOPPRUCH + FINK

Doppel-CD mit 28 Titeln, u.a.:

Gisbert zu Knyphausen & Kid Kopphausen Band
Locas in Love
Olli Schulz & Band
Halma feat. Martin Wenk
Knarf Rellöm
Fehlfarben
Tim Neuhaus
Click Click Decker
Kettcar
Niels Frevert
Bernadette La Hengst
Torpus & The Art Directors
Moritz Krämer & Francesco Wilking
Gisbert zu Knyphausen

 

Kid Kopphausen

I

1. Hier bin ich
2. Schritt für Schritt
3. Das Leichteste der Welt
4. Im Westen nichts Neues
5. Schon so lang
6. Meine Schwester
7. Wenn ich dich gefunden hab
8. Zieh dein Hemd aus Moses
9. Haus voller Lerchen
10. Wenn der Wind übers Dach geht
11. Mörderballade
12. Jeden Montag
13. Nur ein Satz

Nils Koppruch

Caruso

1. armer Junge weint, armes Mädchen auch
2. Caruso
3. Kirschen (Wenn der Sommer kommt)
4. Wort im Wasser
5. Die Aussicht
6. Verrückt vor Liebe
7. Hamburger Berg
8. Wien 91/5
9. Weil’s möglich ist (fehlt noch was)
10. Wissen musst du es doch
11. Vergessen was ich wusste
12. Stadt in Angst

Nils Koppruch

Den Teufel tun

1. Den Teufel tun
2. Näher seit gestern
3. Komm küssen 2:04
4. So wie im Film
5. Nicht die Bienen
6. Heimweh
7. Einmal
8. Mein einziges Lied
9. Staub und Gold
10. Mit eigenen Augen
11. In die Stille
12. Noch nichts verloren

Fink

Bam Bam Bam

1. Bam Bam Bam
2. Doppelhopp
3. Durchreise
4. Hüftschwung
5. Dies für dich
6. Totes Pferd
7. Shake de Birds off de Tree
8. Eismann
9. So fährt der Zug ab
10. Vorbei
11. Ja Ja Ja
12. Manchmal
13. Eismanns Veranda

Fink

Haiku Ambulanz

1. Fliegen
2. Kein schönes Lied
3. Kein Wagen
4. Shuffle & Kompott
5. Niemand gibt gern auf
6. Der Hahn
7. Wo geht das Licht an
8. Wohin du gehst
9. Sonne nicht gesehen
10. Haiku Ambulanz
11. Die Eine
12. Talking Darum Blues
13. An Dich werd’ ich denken

Fink

Fink

1. Die Richtung
2. Immerhinda
3. Ich wein’ einen Fluss
4. Das Liebste
5. Wie ein Schiff
6. Ursa minor
7. Sie mich nicht an
8. Messerkampf
9. Hund II
10. Letzte Nacht
11. Irgendwann Regen
12. Wenn du mich suchst

Fink

Mondscheiner

1. Ne Menge Leute
2. Ich kümmere mich darum
3. Er sieht sie an während sie ihn ansieht und er sieht zur Tür
4. Billiger Trick
5. Kaltes Huhn
6. Kleines grünes Haus
7. Stern
8. So faß ich’s an
9. Jeder Tag
10. Daß sie weiß
11. Alles sagen
12. Straßen und Namen
13. Autobahn

Fink

Loch in der Welt

1. Loch in der Welt
2. Diese Stelle
3. Hund
4. Als einer einmal nicht kam
5. Meine Ecke
6. Neuer Anzug
7. Fisch im Maul
8. Sie wollen uns erzählen
9. Samstag
10. Strich in den Tag
11. Mann ohne Schmerzen
12. Wir werden sehen
13. Sag mir

Fink

Vogelbeobachtungen im Winter

1. Der richtige Ort
2. Meine Braut
3. Im Schatten
4. Oklahoma
5. Luisa
6. Runter von meinem Pferd
7. Vielleicht
8. An meinem Platz
9. Herz aus Holz
10. Toter Mann
11. Du kennst mich nicht
12. Vogelbeobachtung im Winter
13. Schlaf gut ein

Koppruch & zu Knyphausen

Knochen Und Fleisch

1. Die Aussicht
2. Knochen Und Fleisch

Peter Lohmeyer & Fink

Bagdad Blues

1. Bagdad Blues

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Foto: Kerstin Schomburg

Videos

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Foto: Kerstin Schomburg

SAM.

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Foto: Kerstin Schomburg

Ausstellungen

2005
Altonale KunstmarktAltonaleHamburg(group)
Kunst im HüsMorsumSylt(group)
SAM. in Basel IIWagenmeisterBasel(solo)
SpezialitätenFeinkunst KrügerHamburg(group)
2004
SAM./Neue BilderNEU-AusstellungsraumHamburg(solo)
KollektionLPGHamburg(solo)
2003
CastingFotostudio Michael HolzHamburg(solo)
Galerie KofferraumAusstellungstourKöln, Augsburg, Zürich, Stuttgart(solo)
2002
KonfliktFeinkunst KrügerHamburg(solo)
Auf HolzNEU-AusstellungsraumHamburg(solo)
KunstguerillaK-19Kassel(group)
SAM. in BaselBasel(solo)
Fetter FangChorinerstr. 50Berlin(solo)
WeihnachtsausstellungArtstoreHamburg(group)
2001
IM WASSERNEU-AusstellungsraumHamburg(solo)
on the beachChorinerstr.Berlin(solo)
König der LöwenMusical Theater, Hamburg(group u.a. mit Niki de Saint Phalle, Stefan Balkenhol)
2000
Auf dem TischAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
Galerie Autobahn(vier Tage, vier Ausstellungen)Köln, Frankfurt, Augsburg, München, Leipzig(solo)
LandstricheAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
1999
Abgeklebt und raufgeschmiertAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
Ohne TitelAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
Erstaunliche ErfolgeAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
style indexRadio BerlinBerlin(group)
1997
Allein an Tisch 3MME (Me Myself & eye)Hamburg(solo)
UmgezogenAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(group)
100 WächterAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
Unter UmständenAusstellungsraum Clemens-Schultz-Str. 88Hamburg(solo)
SAM.KOMMLüneburg(solo)
1996
Stilleben PikassoAusstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg(solo)
No HeimAusstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg(group)
SchwarzbuntInstitutBerlin(group)
U-Kunst-ClubAm Bahnhofsplatz 3, KasselDocumenta(group)
Gunnar Wikklund, der TiermalerArtstoreHamburg(solo)
Kleines grünes HausHeinz Karmers TanzcaféHamburg(solo)
HafenschichtAusstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg(solo)
U-KunstVeteranenstr. 22Berlin (group)
WinterkollektionAusstellungsraum Karolinenstr. 12Ausstellungsraum Karolinenstr. 12(group)
Art for ChristmasChristel Zelinski Fine ArtHamburg(group)
1995
Dokumentierte Wild- und JagdpraxisAusstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg
5 Jahre ArtstoreArtstoreHamburg(group)
40 Bilder vom VerkehrGalerie 13Hamburg(solo)
Jim Avignons kleiner KunstbazarOranienburger Str.Berlin(group)
1 Jahr Ausstellungsraum Karolinenstr. 12Ausstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg(group)
SAM.Pig UpBremen(solo)
Piep 1Galerie FruchtigFrankfurt(solo)
Piep 2Ausstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg(solo)
Arena nakt, Kasalet anAusstellungsraum Karolinenstr. 12Hamburg(solo)
2 Jahre Galerie 13Galerie 13Hamburg(group)
75 Jahre Filo FaxHamburg/München(group)
Vuur onder de WereldGaleriemaniefestatie Noord Nederland/Kunstmesse GroningenHolland(group)
Jim Avignons kleiner Kunstbazar 2Oranienburger Str.Berlin(group)
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Foto: Kerstin Schomburg

PRESSE

„Ich wein einen Fluss“
von Tino Hanekamp

Nils Koppruch ist tot. Er ist am Dienstagabend friedlich zu Hause eingeschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht. Er hinterlässt seine Frau, seinen vierjährigen Sohn und unzählige Freunde und Bewunderer seiner Musik, seiner Bilder und Texte. Seit Stunden telefoniere ich mit Menschen, die ihn liebten, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Alle sprechen mit tonloser Stimme, viele weinen, jedes Mal hoffe ich, dass einer sagt, es stimmt nicht, war ein Irrtum, Nils ist gar nicht tot.

Warum stirbt der uns einfach so weg? Bedeutet das, dass er endgültig bis in alle Ewigkeit nicht mehr da ist? Und was machen wir jetzt?

Und ich denk an all die Ecken, wenn’s zu Ende geht
An all die Ecken, wo ich schon mal stand
Und ich denk an all die Straßen, die ich runterging
Und an all die Ecken, die ich dann noch fand
Und jetzt wart ich auf meinen letzten Atemzug
Und dass ich noch zum letzten Mal sag
Lass mal noch ne Ecke weitergehen
Irgendwann kommen die Anderen nach

Nils Koppruch – „Eckensteher“

Es ist so merkwürdig, über ihn zu schreiben, als sei er nicht mehr da, denn bis gerade eben war er ja noch da, und die Entertaste geht nicht mehr, weil ich draufgeheult habe, und überhaupt ist alles eine riesengroße Scheiße.

Ich bin ihm 1999 zum ersten Mal begegnet, da war ich 20 und stand vor der Batschkapp in Frankfurt, weil Element Of Crime dort ein Konzert geben sollten, aber ich kam nicht rein, weil’s ausverkauft war, und aus dem Fenster guckten ein paar Typen, und ich sagte, helft mir, ich muss da rein, und sie lachten, und wir redeten ein bisschen, und irgendwann kam einer runter und gab mir einen Backstagepass, und dann war ich drin. Eine Stunde später standen die Typen aus dem Fenster auf der Bühne, sie waren die Vorband, Fink, und Nils war ihr Sänger und Frontmann. Sie waren mit ihrem Album „Mondscheiner“ auf Tour, und ich dachte nur: Was ist DAS denn! Sie spielten angeschrägten, extrem lässigen Americana, sahen irre cool aus, und dann noch diese Texte – voller Lakonie, Witz und Weisheit. Den Rest des Abends habe ich am Merch-Stand verbracht und mit Nils geredet, ich weiß nicht mehr worüber, aber seitdem bin ich Fan, irgendwann wurden wir Freunde.

Zwei Jahre nach Frankfurt zog ich nach Hamburg, und zwar nicht wegen Tocotronic oder Blumfeld, sondern wegen Fink. Erste Amtshandlung: Interview mit Nils im alten Lado-Büro zur neuen Platte. Er erkannte mich wieder, weil ich immer auf seinen Konzerten rumlungerte, und überhaupt war er ein überaus liebevoller, neugieriger und hilfsbereiter Mensch, ich habe ihm viel zu verdanken. In Hamburg geboren, hatte er diese typisch hanseatische, leicht distanzierte Höflichkeit, war aber gleichzeitig sehr herzlich. Er trug meistens zerbeulte Jeans, Hemd und Workingboots, war unrasiert, rauchte Marlboro, und eines seiner Lieblingsalben war Ry Cooders „Paris, Texas“. Er war ein Eckensteher, Leutebeobachter, Großstadtcowboy; ein echtes Original, wie man in Hamburg sagen würde. So einen hatte es noch nicht gegeben, und so einen gibt’s auch nie wieder.

Nach einer Ausbildung zum Koch studierte er ein bisschen, brach ab und beschloss mit Mitte zwanzig nur noch Künstler zu sein, Maler und Musiker. Bald machte er Musik, die es hierzulande noch nicht gab; so eine Art Alternative-Country mit DIY-Backround und deutschen, wunderbar poetischen und eigenartig einzigartigen Texten, die man sich am liebsten übers Bett pinseln würde. Fink waren immer ein bisschen zu spröde für die breite Masse, entwickelten sich in wechselnder Besetzung beständig weiter, die Texte wurden tiefer, die Musik reicher, da war jetzt auch Bluegrass drin, Folk, Rythm & Blues, und als sie am Besten waren, lösten sie sich auf. Seit 2007 war Nils solo unterwegs, veröffentlichte die Alben „Den Teufel tun“ und „Caruso“.

Er war auch Maler, und was für einer. Er nannte sich SAM. und sein Atelier NEU. Im Februar 2002 hatte er mal wieder eine Ausstellung in Hamburg, und alle Bilder hingen in Packpapier gewickelt an der Wand. Man kaufte also die Katze im Sack, und Nils stand daneben und lachte, der Fuchs. Seine Werke waren stets erschwinglich, man nennt das auch Cheap Art oder Off-Kunst – schnell produziert und günstig veräußert. Er war sehr fleißig, hatte immer irgendwas am Laufen, und wenn er nicht gerade malte, schrieb oder musizierte, schnitzte er Skulpturen oder ging mit seinem Sohn auf den Spielplatz. Drei seiner Bilder begleiten mich überall hin. Auf einem ist eine Kaffeekanne. Auf dem anderen sitzen zwei Typen in einem Boot auf schwerer See, und einer hat ne Narbe auf der Stirn. Mein Lieblingsbild, es hängt für immer über meinem Schreibtisch, zeigt einen roten Kopf, der irgendwie verwirrt wirkt, drumherum ist ein Kreis und darunter steht „Konflikt“.

Das letzte Mal sah ich Nils, diesen wunderbaren Mann, vor drei Wochen in Berlin, wo er mit Kid Kopphausen, der Band, die er mit Gisbert zu Knyphausen gerade erst gegründet hatte, zwei ausverkaufte Shows hintereinander spielte. Die Band war famos, die Leute applaudierten stehend, und obwohl Nils eine Grippe hatte und erschöpft wirkte, war er bester Dinge. Die Wollmütze in die Stirn gezogen, Bier in der einen, Zigarette in der anderen Hand, erzählte er, wie gut es ihm gehe und wie glücklich er sei, das alles erleben zu dürfen. Dann mussten sie ihre Instrumente in den Bus laden. Wir umarmten uns und sagten tschüs, bis bald. Ende Oktober sollte die Tour weitergehen, und ich hätte mitfahren dürfen, um im Vorprogramm zu lesen, aber nun wird es keine Tour mehr geben, weil Nils gestorben ist, was keinen Sinn macht, und ich hau meinen Kopf auf die Tastatur, weil ich beim Einladen der Instrumente nicht geholfen habe, weil ich Hunger hatte und ein Idiot bin, und ich weiß nicht, woran Nils gestorben ist, aber er ist seine Grippe nicht los geworden, hat sie die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt, und wenn Ihr Eure Grippe nicht los werdet, geht verdammt noch mal zum Arzt, aber Nils war ja beim Arzt gewesen, und dann ist er eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, mit 47, dabei ging es doch gerade erst los, und das ist so unfassbar traurig und gemein, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll. Wir werden wohl erst in den nächsten Monaten und Jahren begreifen, wen wir hier gerade verloren haben.

Hab versucht den Regen zu trinken
Und satt davon wurde ich nie
Ich wein einen Fluss
Hab gesehen wie wenig man sieht
Wenn man zu sehen vergisst
Ich wein einen Fluss
Und am anderen Ufer stehst du
Und ich wink dir noch einmal zu
Am anderen Ufer stehst du

Fink – „Ich wein einen Fluss“

von Tino Hanekamp

Sieh mich mal an
von Franz Dobler

So viel Schnee liegt jetzt draußen wie damals, als ich Nils mit der Band zum ersten Mal traf, nach der Vogelbeobachtung im Winter. Wir redeten was, aber vom Maler Sam. hat mir Nils nichts erzählt. Sam. kannte ich länger als Nils, aus verschiedenen Wohnungen in Hamburg. Die Schiffe im Hamburger Hafen und ein Gesicht und ein Tier. Ich erkannte seine Sachen immer sofort. Ich fragte mich, ob die Sonne da scheint. Irgendwann kamen wir auf die Verbindung.
Das Einfache gefällt mir, und dann die Frage, ob es wirklich so einfach ist, wenn man es länger ansieht, aber frag mich nicht, lass mich allein, ich kann dir nichts erzählen.
Wenn ich anderen Künstlern von Sam. und den Bildern erzähle, die nicht so teuer wie möglich sein sollen und dann wenn möglich immer noch teurer, sondern zu kaufen auch mal für Leute, die sonst keine Kunst kaufen können, dann sind sie verständnislos oder finden es irgendwie komisch im Sinn von ganz lustig, als wäre es billig, wenn es mal nicht so teuer ist, und ich verstehe sie auch wieder nicht. Die anderen sehen es anders, sie mögen den Fisch in der Wohnung, das Mädchen mit der Handtasche, ein Straßennetz. Ich freue mich immer, wenn ich einen Sam. in einer Wohnung sehe. Und man sieht einen Sam. in einer Wohnung und weiß, dass man dann auch Nils hören kann. Ich beendete eine Tour in Hamburg, hatte ein Bündel Scheine in der Tasche und besuchte ihn im Atelier. Die Schaufensterscheibe gefiel mir. Ich kaufte den Diskjockey. Die Nacht davor lag ich wach und hab gefroren. Ich übertrug dem Diskjockey alle dummen Geschichten und trug ihn durch den Zug. Ich dachte, das ist der Junge von dem Liebespaar, das bei meiner Frau im Zimmer hängt, ich war mir nicht sicher.
Das Einfache gefällt mir, und dann die Frage, ob es wirklich so einfach ist, wenn man es länger ansieht, aber frag mich nicht, lass mich allein, ich kann dir nichts erzählen.
Wir saßen hinten im Bus und erzählten uns Geschichten. Mein Vater war bei der Polizei. Mein Vater war bei der Eisenbahn. Ich hab mal ein Bild geklaut. Ich hab mal ein paar Worte geklaut. Ich hab keinen Plan. Ich hab keinen Anschluss. Hier kannst du mich finden, wenn du mich suchst. Die nächste Stadt war auch nicht schlechter und in der nächsten war ich wieder allein. Hinter den toten Gleisen und der menschenleeren Industrie ging ich in den Wagenmeister und entdeckte im Gastraum einige Sambilder. Die Frau mit der Zigarette tat es mir an. Warum bist du hier und wohin wirst du geh’n, irgendwo hab ich dich schon geseh’n. Ich schrieb auf ein Blatt, was sie mir alles erzählte, und auch, was sie mir verschwieg. Dass sie beim Ficken besonders gern oben ist, wenn sie eine Zigarette im Mund hat, erzählte sie, und wie sich das anfühlt, verschwieg sie.
Das Einfache gefällt mir, und dann die Frage, ob es wirklich so einfach ist, wenn man es länger ansieht, aber frag mich nicht, lass mich allein, ich kann dir nichts erzählen.
Neun Winter später pinkle ich es in den Schnee. Ein Vogel beobachtet mich, ich bin in Gefahr, es muss schnell gehen, es geht ganz schnell. I Sam.

Vogelbeobachtung im Winter
Arjouni, rück die FINK-CDs raus!
von Wiglaf Droste

Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich eine Tür aufspringt, die für alle Zeit verschlossen schien. Plötzlich geht alles, was bis dahin nicht möglich war. Die erste Lektüre von Ringelnatz war so ein entscheidender Augenblick, der Sprung in den reißenden Münchner Eisbach mit Ulrike Kowalsky, die Aphorismen von Oscar Wilde, das eigene Dylan-Duett mit Danny Dziuk, »One too many mornings«, die Begegnung mit Vincent Klink, der Auftritt von Johnny Cash im September 1995 in Berlin, das Kennenlernen des Spardosen-Jazztrios, das Spiel von Alba Berlin gegen Barcelona, in dem Henning Harnisch eine Trefferquote von 100 Prozent hatte, der erste gemeinsame Auftritt mit Luten Petrowsky, das 3:1 von Borussia Dortmund gegen Bayern München im Oktober 1995, »In the Garden« von Van Morrison, »Das große Umlegen« von Dashiell Hammett, der erste Nachmittag mit Peter Hacks auf seinem Landsitz, die Küsse von Ulrike Stöhring, der Kurzauftritt als Sänger mit Till Brönner und seiner Band.

Liebe, Musik und Poesie können den Menschen verändern und ihn größer machen. (Auch der Ballsport, wenn man ihn richtig betrachtet, zählt ja ins Reich der Poesie.) 1997 erschien die erste CD der Hamburger Band FINK, »Vogelbeobachtung im Winter«. Das Album war eine Offenbarung, es riss, von der Öffentlichkeit eher unbemerkt, ganz mühe- und anstrengungslos, idiotische Grenzzäune um. Country-Musik, inspiriert gespielt und mit intelligenten deutschen Texten gesungen – auf einmal ging das. Nils Koppruch, Sänger und Songschreiber von FINK, machte es möglich, einfach so.

Die ersten Worte auf »Vogelbeobachtung im Winter« sind diese: »Wo bist du gewesen, fragen die mich, die da warn, / und ich wär auch da gewesen, hätte ich es nur erfahrn / Die haben jetzt feine Anzüge an / und bedauern, dass ich nicht dabei sein kann.« Dazu scheppert ein Beat, als wäre er zum ersten Mal in der Welt, roh, unbehauen, schleppend, wuchtig, dabei neugierig und grundgut, ungedemütigt, wie frisch erfunden. »Auch ich hätte da sein können, zur Stunde am richtigen Ort / sagen die, die es wissen, und die wissen es ja immer sofort / Ne Einladung gabs nun gerade nicht / und aufgerufen wurde niemand namentlich.«

Die Gitarre weint mit der Mundharmonika um die Wette, Nils Koppruch singt: »Am richtigen Ort zur richtigen Zeit ist es ja immer schon voll / Bevor so ein Mensch wie ich weiß, wo er überhaupt hingehen soll / Genau wie mein Lieblingsrestaurant, / in dem ich noch nie einen Tisch bekam.« Sehr oklahomamäßig und norddeutsch, stimmungsvoll und absolut würdig ist das. Nils Koppruch weiß: »Die Zeit wartet auf niemanden, und ganz besonders nicht auf mich.«

Was für ein Debüt – nicht weniger groß als das des jungen Bob Dylan. Sorry, Rio-Reiser-Kitschfreunde: »Vogelbeobachtung im Winter« ist bis heute, gemeinsam mit »Kairo Mond« von Danny Dziuk, das beste deutschsprachige Album in der Kategorie Sänger/Songschreiber. Turn Schweine Sterben sind da weit außen vor.

Nils Koppruch haut die Hammersätze nur so raus: »Hier, nimm deine Sachen, und das Fotoalbum / Die guten alten Zeiten findest du ziemlich weit vorn«, und die Puste geht ihm nicht aus: »Die Angeberparade zieht gerade vorbei / da kannst du dich einreihen, und die sind sogar noch dankbar.« Auch als Maler, unter dem Namen SAM., reüssiert er zurecht. Kaum hatte ich ihm zwei seiner blauen Bilder abgekauft, wurden sie mir von zwei schönen jungen Frauen wieder entrungen. Keine Chance für mich, die Bilder zu behalten.

Der Maler und Sänger Koppruch hat beim guten Johnny Cash gut zugehört: »Ich brauche keinen Kummer nicht, davon hatt ich schon genug / jede Menge Kummer, einen ganzen Güterzug«, singt Koppruch und fragt: »Warum lügst du immer noch, wenn doch alles vorbei ist / meinst du nicht, es würd mich intressiern, wer du wirklich bist?« Wahrhaftiger und unpeinlicher kann man das nicht machen. »Vogelbeobachtung im Winter« ist eine Platte, die jeder hören sollte, der bei Trost ist und bleiben möchte.

P.S.: Im Sommer 2001 lieh sich Kollege Jakob Arjouni vier FINK-Platten von mir aus. Einige Zeit später bekamen wir telefonisch leichten Krach, weil Arjouni meinte, er sei mit dem Kulturbetriebskriecher Feridun Zaimoglu befreundet – als ob man mit einem, der dem SPD-Strippenzieher und Geschaftelhuber Günter Grass den Schwanz lutscht, befreundet sein könnte. Na ja, nicht mein Problem. »Vogelbeobachtung im Winter« bekam ich inzwischen auf anderen Kanälen wieder – dennoch gilt: Arjouni, rück die FINK-CDs raus! Die Dinge gehören den Menschen, die sie am nötigsten brauchen. Das wusste schon Dashiell Hammett – und sollte sich zu einem wie Arjouni, der bei Hammett teilweise wörtlich abgeschrieben hat, durchgesprochen haben, oder?

Eine Stimme voller Staub und Gold
von Birgit Reuther

Hamburg. Nils Koppruch ist dem Leben in seinen Liedern stets mit berückender Schönheit und tiefer Ehrlichkeit begegnet. Und wer jetzt noch einmal seine Songs hört, falls sie nicht ohnehin ständige Begleiter sind, der findet darin Trost. “Es ist okay / dass alles nur einmal ist / dass es nur einen Anfang und nur ein Ende gibt / und wenn es vorbei ist / dass man vermisst / einmal nur einmal / und dass man vergisst”, singt er zur zart gespielten Akustikgitarre in “Einmal”.

Koppruch hatte ein Gesicht, gern hinter Drei- bis Siebentagebart verborgen, dem dieses ganze komplexe Dasein, die Liebe, Abgründe und all die Merkwürdigkeiten eingeschrieben schienen. Ein Vagabund im allerbesten Sinne. Einer, der wusste, dass er nur auf der “Durchreise” war, wie er in einem seiner Songs feststellte: “Mich kehrt ein Besen durch die Zeit”, raunte er auf “Bam Bam Bam”, dem sechsten und letzten Album seiner Band Fink.

Von 1996 bis 2006 war Koppruch an Gitarre, Banjo, Mundharmonika und Mikrofon Kopf dieser Combo, mit der er sich auf angenehme Weise herzlich wenig um Genreschubladen scherte. Americana? Country? Rock? Folk? “Manche sagen Kantriekram und andere Dudelei”, sang er trotzig. Als er 2007 mit dem Album “Den Teufel tun” alleine weitermachte, gewann seine Musik an Intimität, ohne die spannenden, schroffen Kanten zu verlieren. Und wer weiß, wie viele Paare schon zusammengefunden haben, weil sie dieser federleichten Aufforderung Koppruchs folgten: “Komm küssen, warum soll’n wir noch warten / wir steh’n in einer offenen Tür / und dahinter liegt ein goldener Garten”.

Koppruch war, auch als Soloartist, stets einer, der den Austausch brauchte. Der in seiner Heimat Hamburg, in der er 1965 geboren wurde, die Fäden zusammenführte, indem er die Herzen der Menschen mit seiner Kunst umgarnte. So musizierte er in seiner wunderbar eigensinnigen Laufbahn unter anderem mit Künstlern wie Peter Lohmeyer, Günter Märtens, Christoph Kähler und Meike Schrader.

Im Spätsommer erst hatte Koppruch mit dem Musiker Gisbert zu Knyphausen erfolgreich das Debütalbum “I” des gemeinsamen Projekts Kid Kopphausen veröffentlicht. Als ein Duo aus “introvertiertem Gefühlsdichter vom Land” und “umranktem Großstadtcowboy” , hatte Koppruch den Verbund beschrieben. Und Koppruch, der Großstadtcowboy, liebte auch bei seiner zweiten großen Leidenschaft, der Malerei, das Unperfekte, Urbane, die Finesse des groben Strichs.

In seinem Atelier in der Wohlwillstraße auf St. Pauli schuf er unter dem Pseudonym SAM. Bilder, die in ihrer Mischung aus Direktheit und subtilem Witz die Seele zum Schwingen bringen. Die Kräne des Hafens ragen da wie Wesen mit ganz eigenem Charakter empor. Liebende umarmen sich, als seien sie Anker füreinander. Ein “Schönes Mädchen” sieht räudig und traurig aus. “In der Malerei arbeite ich aber fast gar nicht inhaltlich, da geht’s mir um anderes, um Struktur, Farben, ich lasse dem Zufall viel mehr Raum. Bei den Songs ist jedes Wort da, wo es sein muss”, sagte er 2007 im Interview mit dem Abendblatt. Das Erd- und Ockerfarbene, das er so gerne verwendete, verleiht vielen seiner Werke eine melancholische Aura.

Wie schmerzlich diese sensible, anregende Persönlichkeit vermisst werden wird, zeigte sich gestern in zahlreichen Beileidsbekundungen. “Ich hatte Dir so viel zu verdanken und weiß nicht, was ich sagen soll”, schrieb etwa Norbert Roep vom Club Knust. “Wir sind geschockt. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freunden”, erklärten die Veranstalter des Rolling Stone Weekenders, wo Kid Kopphausen im November auftreten wollte.

Seine Stimme, so rau und voller Staub und Gold, ist verstummt. Doch für seine Lieder wünschte sich Koppruch, dass sie stets auch “Gebrauchswert” haben sollten: “Die Idee war, die Songs einfach zu halten, sodass der, der ein bisschen ‘ne Gitarre festhalten kann, das auch relativ leicht nachmachen kann”, sagte er einst. Zu hoffen ist, dass viele dieser Aufforderung folgen. Denn Musik ist nicht nur gut als Trost, sondern auch gegen das Vergessen.

Die Stimme von Optimismus und Scheißegal
von Jan Freitag

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzendes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot .

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten des Musikschreibens oft mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. In Nils Koppruch starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen Singer-Songwriter deutscher Sprache. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Im globalen Popgeschäft bleiben Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber hier muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben.

 

Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner GeburtsstadtHamburg die Band Fink gründete, hierzulande die erste, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop , da dachte er selbst noch, “das machen nur Nazis und Arschgeigen”. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

 

Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel – seine Zauseligkeit war schon Ausdruck einer Haltung des Understatements, als die Hipster-Beardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten – einen “Gegenentwurf zum elitären Cliquending”, wie er es erst kürzlich umschrieb. “Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist”, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

 

Eine Familie von Arbeitern, Webern, Handwerkern – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 46-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphausen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten, den grauen Fusseln und dem gebrauchten Zweiteiler, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.

“Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben”, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento? , sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. “Ohne meine Bilder”, sagte Nils Koppruch, “könnte ich nicht davon leben.”

Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von “Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen”. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen mit prominenter Kundschaft.

 

Dass er unter dem Pseudonym SAM als Maler schon lange vor der Musik tätig gewesen war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: “Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen.” Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, mit seinen Cash-Interpretationen und Benefizkonzerten, seinen Sprachpoesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.

 

Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, “so dick”, seine Hände hob er schulterbreit auseinander, “totaler Stuss heute”, aber immerhin ein Ausdruck. “Das kannst du posthum veröffentlichen lassen”, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Viel zu früh ist es nun Zeit, denn Nils Koppruch starb gestern in Hamburg. Ja, er hinterlässt eine Lücke.

NIE WIEDER “HALLO” SAGEN.
ZUM TOD VON NILS KOPPRUCH
von Josef Winkler

Seit 15 Jahren finde ich diese Platte nicht. „Vogelbeobachtung im Winter“, die erste FINK von 1997. Ich hatte sie besessen, aber noch nie richtig angehört, und dann war sie weg; das merkte ich erst, als wir dann schon Fans der in den zwei Folgejahren erschienenen Alben „Loch in der Welt“ und „Mondscheiner“ waren. Was war denn das? Die „Hamburger Schule“ in der Wüste mit Giant Sand? Ja, ging’s denn recht viel großartiger?

Einmal „interviewte“ ich Nils Koppruch, das heißt: Wir saßen an einem trüben Spätnachmittag im Wirtshaus Fraunhofer, tranken Bier (nicht viel) und unterhielten uns zwei Stunden über irgendwie alles – die neue Platte, Bands und wie die Zeit so schnell vergeht, dass man immer zusehen muss, sich nicht darin zu verlieren. Es ist so lange her, ich erinnere mich konkret fast nur noch an eins: einen fast irreal sympathischen, grundernsten, aber zum Gag bereiten Mann mit melancholischen Augen, einem Lächeln, das mit einem Aufblitzen Eisherzen schmelzen konnte und dieser Stimme: klar, fest, ja: elegant, der man beim Sprechen genauso gerne lauschte wie beim Singen; oft tat er in den Songs eh irgendwie beides gleichzeitig. Der nur verwundert, vielleicht auch etwas traurig die markanten Brauen hob, wenn man seine lyrischen Songtexte als „kryptisch“ bezeichnete, wie es verständnislose Rezensenten mithin taten.

Als Ende der 90er Jahre FINK auf zwei Tourneen im Vorprogramm von Element Of Crime spielten, erschien es uns völlig logisch, dass sie jetzt ihren verdienten Erfolg haben würden. Dass dieses Publikum diese Band und ihren so einnehmenden Sänger erkennen – waren die denn nicht offensichtlich besser als die Hauptband, die Ende der 90er begonnen hatte, sich um sich selbst zu drehen? – und tief ins Herz schließen würde.

The big break! Aber so 1:1 logisch funktioniert natürlich der Pop nicht. FINK wurden nicht „die neuen Element Of Crime“, was Nils Koppruch wohl auch so nicht anstrebte. Aber dass seine wunderbare Band sich ein bisschen etabliert, dass sie irgendwann aufhören darf, sich Sorgen um ihre schiere Existenz zu machen? Das wär schon toll gewesen, aber war ihnen nicht vergönnt. Die Clubs blieben klein und klitzeklein, unerbittlich. Dafür konnte man nach dem Konzert weiterhin Nils am Merch-Tisch treffen und ein bisschen ratschen.

Ausstiege, Trennungen, Umbesetzungen – FINK kamen nie zur Ruhe, aber Nils Koppruch machte weiter, mit künstlerischem Feuer, es folgten tolle Platten – „Fink“ 2001, „Haiku Ambulanz“ 2003, „Bam Bam Bam“ 2005. Der Songwriter-Country-Chanson-Rumpelblues irgendwo zwischen Tucson und Tom Waits wurde verstiegener und facettenreicher – da kehrte kein 08/15 ein, das wurde immer abgefahrener.

2006 schließlich, einem weiteren Personalwechsel zuvorkommend, lösten sich FINK, eine der besten deutschen Bands der letzten 20 Jahre, auf. Nils Koppruch wandte sich noch mehr als zuvor seiner Arbeit als Maler unter dem Künstlernamen SAM zu. Es kamen auch zwei Soloalben, trotzdem hatte ich ewig nichts von ihm gehört, als vor ein paar Wochen ein neuer Song von ihm im Radio lief – zusammen mit Gisbert zu Knyphausen, mit dem er bald auch touren würde, hieß es. Da dachte ich mal wieder an meine verschollene erste FINK, und dass es schön sein könnte, zu einem dieser Konzerte zu gehen, mal wieder Hallo zu Nils zu sagen und sich so herzerwärmend anlächeln zu lassen.

Jetzt ist Nils Koppruch tot, und wir wissen nicht warum. Er hinterlässt eine Frau und einen kleinen Sohn, und es ist einfach nur zum Weinen.

Der Mondscheiner:
Ein Nachruf auf Nils Koppruch
von Maik Brüggemeyer

Er sang von komischen Käuzen, wie man sie eigentlich eher aus der U-Bahn oder vom Kiez kennt und nicht aus Liedern. Vor allem aber sang er von Liebe und Sehnsucht, von Tod und Erlösung. Nils Koppruch war von 1996 bis 2006 Sänger der Hamburger Band Fink, dann nahm er zwei Soloalben auf, und zuletzt veröffentlichte er als Kid Kopphausen ein gemeinsames Werk mit seinem Freund Gisbert zu Knyphausen. Im November sollten sie beim Rolling Stone Weekender spielen.

Wie kein zweiter verstand Nils Koppruch es, die großen Themen des amerikanischen Songs ins Deutsche zu übersetzen. Oder vielleicht sollte man es besser maritim formulieren: überzusetzen – über den Atlantik, in seine Heimat Hamburg. Aus dem mythischen Moonshiner etwa, dem Schwarzbrenner, hat er für den Titel eines Fink-Albums von 1999 den hanseatischen Mondscheiner gemacht. Und dieser Mondscheiner, das war er selbst. Ein dunkler Romantiker und poetischer Liederschreiber, der den Mond eine Straße hinaufrollen, anfachen und leuchten lassen konnte.

Koppruch arbeitete unter dem Pseudonym SAM auch als bildender Künstler. Seine Werke zeigte er auf St. Pauli in seiner Galerie “Ausstellungsraum Neu”. Auf den ersten Blick wirken seine oft mit dicken schwarzen Strichen gemalten Bilder sehr einfach, fast kindlich naiv. Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man hier die gleichen Qualitäten wie in seinen lakonischen Texten: die Beobachtungsgabe und die Originalität, den Witz und die Melancholie, die Präzision und die Tiefe.

“Wie lang ist der Weg in den Tag/ Der die Nacht in den Morgen entlässt/ Weißt du, da will ich hin/ Und ich frag mich, wie lang ist der Weg”, sang er in “Immerhinda”, einem seiner schönsten Lieder.

In der Nacht auf den 10. Oktober war der Weg zu lang. Nils Koppruch ist im Alter von 46 Jahren zu Hause in Hamburg gestorben.

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